- GEORG HERWEGH - Handschrift | EDITION

Georg Herwegh - Werke und Briefe. Kritische und kommentierte Gesamtausgabe

Herweghs Brief an einen hochverehrten Herrn vom 5. September 1842

Auszug aus: Herwegh, Georg: Briefe 1832-1848, bearbeitet von Ingrid Pepperle, Bielefeld 2005, S. 57-58 u. S. 341.

Briefnummer 58
AN EINEN HOCHGEEHRTEN HERRN
Zürich, 5. September 1842

|Hochgeehrter Herr!
Freund Ruge theilt mir so eben Ihre Adresse mit; ich beeile mich, von dieser Mittheilung den besten Gebrauch zu machen, ein Paar Zeilen an Sie zu richten u. Sie inständig um Ihre Theilnahme an einer project. Monatsschrift zu bitten, deren Prospect noch im Laufe des Sept. in den Deutsch. Jahrb., wenn die Censur ihn passiren läßt, zu lesen sein wird. Ueber deren Tendenz brauche ich Ihnen eigentl. Nichts zu sagen; wir wissen Alle, was wir wollen, u. wollen Alle nur Eines. Draußen in Deutschl. muß man aber im Augenblick diplomatisch zu Werke gehen; wir müssen versuchen, ob sich die Wahrheit nicht auch ein Jahr lang ohne diplomatische Wendungen, ohne Censur, an den Mann bringen läßt. Wollen Sie für kurze Zeit dem Banner meines Kindes, Deutscher Bote aus der Schweiz getauft, folgen, so machen Sie dem Vater große Freude u. bittet Sie derselbige nur um baldige Antwort u. bestimmte Zusage oder – noch besser – stante pede um eine Arbeit aus Ihrer Feder. Einheit alles Wissens ist mein Wahlspruch, u. meine Aufgabe zunächst die Beziehung dieses Wissens zum Staat, zur Gesellschaft, zur Politik. Persönlich huldige ich in Theologie u. Philosophie dem Neuesten u. Kühnsten auf diesen Gebieten u. rufe Virtus in extremis! Auch in der Poesie soll die revolut. Richtung vertreten werden u. dieselbe im Deutschen Boten *ihr* ein Asyl finden.
Tagespolitik, dem Tageszuschnitt entnommen, ist nicht ausgeschlossen, u. namentl. die lautere Wahrheit über preuß. Verhältnisse höchst willkommen. Ein Jahr, denke ich, sollte sich das Blatt im schlimmsten Falle halten, da es durch den Buchhandel versandt wird u. bei dieser Art von Versendung ein Verbot nicht viel schadet, wie ich bei meinen Gedichten zu beobachten, Gelegenheit hatte.
Monatl. erscheinen 6 Bogen 8°, hübsch gedruckt, Honorar bietet Ihnen die Verlagshandlung zunächst drei Louisd’or, viertelj. zahlbar. Die Verschwiegenheit des Namens garantire ich, wenn dieselbe gewünscht werden sollte.
Also – lassen Sie bald von sich hören, schreiben Sie, schicken Sie Etwas!
Ich grüße Sie freundlich u. bleibe mit ganz besonderer Hochachtung der Ihrige
Georg Herwegh.
Zürich, 5. Sept.
Adrs. abzugeben im Literar. Comptoir.
Ich darf Sie wohl bitten, inliegenden Brief gefälligst zu adressiren u. in den Briefkasten werfen zu lassen.


H: BJ Krakau
ED: Faksimile der H in: Herweghs Werke, hg. v. Hermann Tardel, Berlin Leipzig Wien Stuttgart [1909], Teil I nach S. 152.

ERLÄUTERUNGEN

Hochgeehrter Herr Der Brief ist vermutl. an einen der Junghegelianer gerichtet, der für die DJ schrieb.

Freund Ruge Das Schreiben ist nicht überliefert.

project. Monatsschrift
Der „Deutsche Bote“ erschien auf Initiative Julius Fröbels unter der Redaktion seines Bruders Karl Fröbel seit dem 5. Jan. 1842 in zwei Nrn. von acht bis 16 Seiten wöchentlich im Verlag des Literarischen Comptoirs Zürich u. Winterthur. Am 1. Okt. schloß das Blatt mit Nr. 78 und dem Hinweis, daß im Laufe des Monats das erste Heft des neuen „Boten“ als Monatsschrift ausgegeben wird.

Prospect
Seit 17. Sept. 1842 war Herweghs Prospekt u. d. T. „Veränderung des Plans und der Redaktion“ wiederholt im „Deutschen Boten“ abgedruckt. Nicht in den DJ, wohl aber in der Beilage zur AAZ, Nr. 291 v. 18. Okt. 1842, S. 2326, wird der Prospekt als „Anzeige“ wiedergegeben. Die „Leipziger Allgemeine Zeitung“ (LAZ) bringt ihn am 27. Okt. 1842 in Nr. 300. Die RZ hatte am 30. Sept. 1842 in Nr. 273 in einer Zürcher Korrespondenz v. 25. Sept. über ihn berichtet und ihn zitiert.








Georg Herwegh

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