- GEORG HERWEGH - Vorwort Band 4 | EDITION

Georg Herwegh - Werke und Briefe. Kritische und kommentierte Gesamtausgabe

Band 4

Georg Herwegh: Prosa 1849-1875, bearbeitet von Ingrid und Heinz Pepperle, Band 4 der Werke und Briefe, kritische und kommentierte Gesamtausgabe, hg. von Ingrid Pepperle in Verb. mit Volker Giel, Heinz Pepperle, Norbert Rothe und Hendrik Stein, 336 Seiten, Bielefeld: Aisthesis 2013, ISBN 978-3-89528-900-2. [Zum Verlag]



Einleitung

Der vorliegende Band enthält Herweghs Prosatexte aus der Zeit nach 1848 bis zu seinem Tode 1875. Mit wenigen Ausnahmen und abgesehen von den Einleitungen zu seinen Shakespeare-Übersetzungen, die in den mehr­fach aufgelegten beiden Ausgaben von Friedrich Bodenstedt eine be­achtliche Verbreitung fanden, sind diese Texte zuerst in Zeitungen und Zeitschriften erschienen. Der Hauptteil entfällt dabei auf das „Zür­cher Intelligenzblatt“, dessen Bedeutung und Bekanntheit aber wohl kaum über die Grenzen der Schweiz hinausreichten. Andere Beiträge oder Stellungnahmen finden sich im „Nordstern“, einer der frühen und sel­tenen Zeitungen der entstehenden Arbeiterbewegung, in der „Deut­schen Monatsschrift“ von Adolf Kolatschek, der sicher eine ge­wich­ti­ge­re Rol­le zukommt, die aber allein schon aufgrund Verfolgung und als­bal­di­gen Verbots eine Rarität blieb. Einzig die Korrespondenzen in der „Neu­en Zürcher Zeitung“, der bereits im 19. Jahrhundert überregionale Be­deu­tung zukam, könnten bekannter geworden sein. Die übrigen, meist ein­zelne Publikationen, fanden ihre erste Veröffentlichung im „Tagblatt der Stadt Zürich“, in der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“, der „Ber­li­ner Re­form“, der „Neuen Frankfurter Zeitung“ von Leopold Sonne­mann, dem „Orion“, einer von Adolf Strodtmann besorgten Monats­schrift für Li­teratur und Kunst, in der Wiener „Tages-Presse“ und schließ­lich in der „République française“, einem Organ Léon Michel Gambettas.

Schon die Bedingungen der Erstveröffentlichung und das Faktum der Anonymität vieler Beiträge, die entweder gar nicht oder nur mit Kor­re­spon­denzzeichen signiert sind, dürfte viel dazu beigetragen haben, daß die­se Seite im Schaffen Herweghs über einen langen Zeitraum hinweg nicht die Beachtung fand, die sie verdient. Und in der Tat lassen sich bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg nur vier Publikationen nach­wei­sen, in denen Prosatexte aus den Jahren nach 1848 der Öffentlichkeit wie­der zugänglich gemacht wurden: In „Ferdinand Lassalle’s Briefe an Georg Herwegh“ (1896 in Zürich von Marcel Herwegh herausgegeben) fin­den sich Herweghs Stellungnahmen in der Auseinandersetzung um die Orien­tierung des „Social-Demokraten“, einer von Johann Baptist von Schweitzer und Johann Baptist von Hofstetten als Organ des ADAV im Jah­re 1865 gegründeten Zeitung. 1899 hatte Carl Friedrich Glasenapp in der dritten, erweiterten Auflage seiner Wagner-Biographie [Bd. 2, 2. Abtlg., Leip­zig 1899, S. 313 u. 482] Herweghs Parteinahme für Wagner an­läßlich der Tannhäuser-Aufführung in Paris 1861 aus der „Neuen Zür­cher Zei­tung“ wieder abgedruckt. Diese Stellungnahme, erweitert um ei­ne zweite ver­meintliche Äußerung Herweghs zu diesem Gegenstand aus dem „Zür­cher Intelligenzblatt“, findet sich dann 1903 in einem Beitrag von Nico Harzen-Müller über „Liszt, Wagner und Bülow in ihren Bezie­hun­gen zu Georg Herwegh“ in der Zeitschrift „Die Musik“ [3. Jg., H. 24, Ber­lin 1903/1904, S. 448-449]. Weitere neun Arbeiten aus dem „Zür­cher In­tel­ligenzblatt“ hatte schließlich Victor Fleury in seiner Bio­gra­phie des Dich­ters „Le Poète Georges Herwegh“ (Paris 1911) Her­wegh zuge­schrie­ben und fünf davon in seiner Arbeit „Aus Herweghs Nach­lass“ aus dem­selben Jahre in Lausanne publiziert. Es handelte sich um ein Referat ei­nes Rathausvortrages von Challemel-Lacour und die cha­rakteristischen und besonders gelungenen Artikel zum Zeitgeschehen „Ein Zeitbild“, „Ein Sturm in einem Glas Wasser oder die süddeutsche Auf­regung“, „Die Revanche für Waterloo“ und „Der Hecht unter den Karpfen oder Louis Napoleon in Baden-Baden“. Ebenso war Fleury auf Her­weghs Mit­arbeit an der „République française“ von 1871 gestoßen, aus der er gleich­falls einige Beiträge in seine Sammlung aufnahm. Wert­voll in Fleu­rys Publikation sind seine Hinweise auf die Arbeit der „Ent­schlüs­se­lung“, die noch nicht zu Ende sei. So benennt er beispielsweise die Schwie­rigkeiten, die es zu überwinden gelte, wenn in Ermangelung di­rek­ter Nachweise auch mit der Methode inhaltlicher Vergleiche von Re­de­wen­dungen und Wortwahl gearbeitet wird.

Eine Wende bezüglich Herweghs Prosa nach 1848 ist mit der Tätigkeit Bru­no Kaisers verbunden. Er hat während des Zweiten Weltkrieges als Emi­grant in der Schweiz in Liestal das Herwegh-Archiv aufgebaut und in die­sem Zusammenhang eine intensive Forschungsarbeit geleistet. Das er­ste Ergebnis war die aus der Dissertation hervorgegangene Arbeit „Der Frei­heit eine Gasse. Aus dem Leben und Werk Georg Herweghs“ (Ber­lin 1948). Diese Gesamtwürdigung des Dichters, für ein breiteres Publi­kum ge­dacht, erzeugt schon in der biographischen Einleitung ein be­stimm­tes Bild von Umfang und Vielfalt der späten Publizistik Herweghs und be­legt die völlig veränderte Sicht in den Texten nach 1848 mit einer Aus­wahl von 20 meist unbekannten Beiträgen. Darunter waren Wür­di­gun­gen der Arbeit von Moleschott, von Semper, Referate über öf­fent­li­che Vorträge, Theaterkritiken, Stellungnahmen zum italienisch-öster­rei­chi­schen Krieg, zum italienischen Risorgimento und vor allem eine Aus­ein­andersetzung mit Franz Dingelstedt und dessen Gedichtband „Nacht und Morgen“ aus dem Jahre 1851 sowie Herweghs Vorwort zu der von Em­ma Herwegh aus dem Italienischen übersetzten, außergewöhnlich sel­te­nen Broschüre „Der Tag von Aspromonte“.

Spätestens mit diesem Sammelband wurde klar, daß es sich bei Her­weghs späterer Prosa um einen eigenständigen Gegenstand handelt, den es weiter zu erforschen galt, für den gesucht, gesammelt und weiteres Ma­terial verifiziert werden mußte. Im Ergebnis sollte die Arbeit zu einer Pu­blikation führen, die Herweghs Prosatexte nach 1848 möglichst voll­stän­dig, chronologisch geordnet und mit Erläuterungen versehen der Öf­fent­lichkeit darbietet. Der vorliegende Band versteht sich als Vollzug die­ser Aufgabe.
 
Der Band umfaßt 80 Arbeiten aus der Feder Herweghs aus mehr als zwei Jahr­zehnten. Der Form nach sind es Artikel, Korrespondenzberichte, Re­zensionen, Theaterkritiken, Stellungnahmen (Erklärungen und Recht­fer­tigungen), offene Briefe, Einleitungen zu Shakespeare-Übersetzungen und ein Vorwort.

Abgesehen von umfangreichen Varianten zu drei Einleitungen der Shake­speare-Übersetzungen bereiteten die Anforderungen vorliegenden Ban­des nicht die Schwierigkeiten, wie sie zum Beispiel beim Transkri­bie­ren von Handschriften auftreten. Sie stellten die Bearbeiter dafür vor Pro­ble­me hinsichtlich des Autorschaftsnachweises. Von den 80 Texten sind nur 22 von Herwegh gezeichnet. Acht Beiträge konnten im Laufe der Ar­beit durch Herweghs eigene Briefe oder Briefe an ihn identifiziert wer­den. Auf die Details wird jeweils im Apparat verwiesen. Für die mei­sten ver­bleibenden nicht oder nur mit Korrespondenzsigle gezeichneten Bei­trä­ge kam uns die im Nachlaß vorhandene chronologische Be­leg­samm­lung einzelner Seiten, Bogen, ganzer Zeitungsnummern von Erst- und wei­teren zeitgenössischen Drucken der Gedichte und Prosaarbeiten zu­stat­ten. In den Belegen finden sich eigenhändige Korrekturen Georg Her­weghs, sie sind mit Rötel, Bleistift oder Tinte in der Handschrift Em­ma oder Marcel Herweghs mit Georg Herwegh, G. H., Georg und (oder auch nur) mit Anstreichungen und Eingrenzungen gekennzeichnet. Ein­zel­ne Seiten und Bogen sind handschriftlich mit Titel und Datum der Zei­tung versehen. In der Sammlung finden sich signierte und nicht sig­nier­te Gedichte und Artikel, die auch auf anderem Wege als Herwegh zu­gehörig identifiziert wurden. Belege dieser Sammlung von Kor­rek­tur­bo­gen, Erstdrucken und zeitgenössischen Drucken im Herwegh-Archiv Lies­tal werden im Quellennachweis des Apparats mit den ent­spre­chen­den ZH-Siglen vermerkt.

Nicht so verhält es sich in bezug auf 15 verbleibende Arbeiten aus dem „Zür­cher Intelligenzblatt“, von denen keine Belegexemplare im Her­wegh-Archiv vorhanden sind, die Bruno Kaiser bereits ver­öf­fent­lich­te oder auf die er zumindest als von Herwegh stammend hingewiesen hat­te. Sie werden aufgrund der Thematik und des Zusammenhangs mit an­de­ren Artikeln und aufgrund einzelner Hinweise auf diese Texte in Bei­trä­gen, die sich im Nachlaß befinden, aufgenommen, wobei letzt­end­lich auch die eigentümliche Schreibweise, also Stil, Wortwahl und Re­de­wen­dungen eine Rolle spielten. Ausgeschlossen wurde Herweghs Autor­schaft der mit „h – Zürich“ signierten Beiträge überwiegend juristischen In­halts im Stuttgarter „Beobachter“ vom März 1864 bis Mai 1865. Sie sind ver­mutlich von Herweghs Freund „Maule“, dem Juristen August Fried­rich Härlin verfaßt, der auch freundschaftlich mit den Redakteuren des „Be­obachters“ verbunden war (siehe u. a. Briefe II, S. 612). Ab­schlie­ßend ist zu diesem ganzen Komplex noch darauf hinzuweisen, daß durch neue Brieffunde möglicherweise weitere Beiträge Herweghs, be­son­ders in der deutsch­spra­chigen Presse der Schweiz, in demokratisch orien­tier­ten Organen Öster­reichs und Deutschlands oder auch in den italie­ni­schen Zeitungen des Risorgimento zu finden sind.
 
In der Gesamtheit der Arbeiten wird nunmehr dokumentiert, wie Her­wegh neben seiner Lyrik nach 1848 auch über Prosabeiträge öffentlich zu wirken versuchte.

In den ersten Jahren nach der Revolution hat er nur weniges ge­schrie­ben. Es waren zwei Erklärungen in der „Neuen Zürcher Zeitung“, die das Ende der Freundschaft mit Herzen markieren, und eine Besprechung von Dingelstedts Gedichtband „Nacht und Morgen“ aus dem Jahre 1851. Untätig war er aber auch in dieser Zeit nicht. Im Kommentar zu den Briefen konnten wir das im einzelnen nachweisen. In freund­schaft­li­cher Verbundenheit mit Herzen bearbeitete er u. a. zwei seiner Schriften in deutscher Übersetzung und wenn diese zeitgeschichtlich bedeutsamen Pu­blikationen „Mein Lebewohl. Epilog zum Jahre 1849“ und „Vom an­de­ren Ufer“ auch der Form halber ihre Wirkung nicht verfehlten, war das Herweghs Verdienst. Aus den Jahren 1853/1854 ließen sich keine Pro­sa­texte nachweisen. Das änderte sich jedoch im folgenden Jahr, nach­dem die „Familien-Tragödie“ mit dem Verhältnis zu Natalie Herzen hin­ter ihm lag und das „Zürcher Intelligenzblatt“ gegründet worden war, das sei­ne Beiträge aufnahm und in dem er nach dem Verbot von Kolat­scheks „Deutscher Monatsschrift“ zu schreiben bereit war.

Die Anfänge nahmen sich zunächst bescheiden aus. Begonnen wird mit einem „Abschiedsgruß“ an den scheidenden Physiologen Karl Fried­rich Wilhelm Ludwig, der nicht nur ein bedeutender Gelehrter, sondern auch ein vorbildlicher Hochschullehrer war und den Herwegh ehrte, weil Lud­wig verkörperte, was er selbst unter zeitgemäßer und fortschrittlicher Hoch­schulbildung verstand. Das nächste war Herweghs Eintreten für Ja­kob Moleschott, dem trotz der Empfehlung führender Naturwis­sen­schaft­ler die Berufung durch den Senat der Universität Zürich verweigert wer­den sollte. Gemäß seiner Überzeugung, Freunde und Gesinnungsge­nos­sen zu unterstützen und ihre Ansichten zu verbreiten, folgten Re­fe­ra­te öf­fentlicher Vorträge von Gottfried Semper, von den französischen Emi­granten Marc Dufraisse und Paul Challemel-Lacour. Diese Vorträge er­füllten Bildungsaufgaben und waren geeignet, humanistisches und de­mo­kratisches Gedankengut zu transportieren: formelle Gesetzmäßigkeit des Schmucks und dessen Bedeutung als Kunstsymbol, das Leben Des­mou­lins’, das Wirken Agrippa d’Aubignés, die Rolle der Salons im Frank­reich des 18. Jahrhunderts. In die Gruppe dieser Referate gehört auch der Beitrag „Über die Bauprojekte im Kratz“, mit dem Herwegh sich in ganz konkrete Probleme der Stadt Zürich einmischte und das Wir­ken Sem­pers unterstützen wollte. In ihm wird am Gegenstand einer Be­bau­ungs­planung gezeigt, wie in der Bautätigkeit Architektur, Zweck­mä­ßigkeit und gegebene materielle Mittel sinnvoll miteinander ver­bun­den werden können.

Engagement in dieser Hinsicht entwickelte Herwegh auch, wenn er durch kritische Besprechungen von Aufführungen das Niveau des Zü­r­cher Theaters zu heben versuchte. Gegenstände dafür waren ihm die da­ma­ligen Vorstellungen von Shakespeares „Othello“, „Macbeth“, „Der Kauf­mann von Venedig“, die Aufführung der „Grille“ von Charlotte Birch-Pfeiffer und vor allem des Erfolgsstücks von Albert Emil Brach­vo­gel „Der Narziß“. Der konkrete Bezug mag aus heutiger Sicht wenig In­ter­­es­se erwecken, nicht aber die literaturtheoretischen und ästhetischen Prin­­zipien, die Herweghs Kritiken tragen. Sie sind im Gegenteil bis zum heu­­tigen Tage aktuell und können an den vorgelegten Texten in einer Wei­­se abgelesen werden, die im Zusammenhang anderer in diesem Band vor­handener ästhetischer Reflexionen („Heinrich Heine“, „Über die spe­ku­la­tive Ästhetik“) durchaus seine Vorstellung einer der Zeit und dem Künst­ler gemäßen Ästhetik deutlich werden läßt.

In der nachrevolutionären Zeit bis zum Jahre 1859 enthält Herweghs Pu­bli­zistik, der gesellschaftlichen Situation entsprechend, kaum politisch bri­sante Themen. Das sollte sich jedoch mit Beginn des italienisch-öster­reichischen Krieges ändern. Recht überraschend begann sich das po­li­ti­sche Leben neu zu beleben. Es traten die alten Interessengegensätze der euro­päischen Großmächte wieder hervor, samt der Widersprüche und Kon­flikte, die sich im Inneren dieser Staaten schon im Geschehen von 1848 gezeigt hatten. Vordergründig schien es in der öffentlichen De­bat­te vor allem im deutschsprachigen Raum darum zu gehen, ob Preu­ßen an die Seite Österreichs treten oder neutral bleiben sollte. In Wirk­lich­keit ging es aber um weiterreichende Probleme: um die Bestrebungen des fran­zösischen Imperators, die Rolle Rußlands und Englands, um das Ver­hältnis von Preußen und Österreich überhaupt, mit dem zwangs­läu­fig sich das ungelöste Problem der deutschen Einheit stellte. Und schließ­lich ging es auch darum, ob nicht künftig wieder mit Volks- oder gar revolutionären Bewegungen gerechnet werden muß. Vielfältig war des­halb der Ruf nach Orientierung. Friedrich Engels („Po und Rhein“, Ber­lin 1859), Ferdinand Lassalle („Der italienische Krieg und die Auf­ga­be Preu­ßens“, Berlin 1859), Karl Vogt („Studien zur gegenwärtigen Lage Euro­pas“, Genf Bern 1859), Friedrich Theodor Vischer (Eine Reise, Stutt­gart 1861), Ludwig Bamberger, Lothar Bucher, Ju­li­us Frö­bel, um nur die wichtigsten Namen aus dem Lager der Achtund­vier­zi­ger zu nen­nen, haben sich der Aufgabe zu stellen versucht. Im Kon­text ih­rer Ar­bei­ten sind auch Herweghs Artikel zu sehen, die er von Ja­nuar 1859 an über meh­rere Jahre hinweg zum italienischen Risorgi­men­to ver­öf­fentlichte, in de­nen stets seine Ansichten über die genannten Pro­bleme ein­geflochten sind und die ihn wieder ganz in seinem Element zei­gen. Tref­fend schrieb Ri­chard Wagner an ihn, nachdem er einen der er­sten Bei­träge iden­ti­fi­ziert hatte: „Sage, hab’ ich recht, daß der heutige Artikel im Intel­ligenz­blatt (wie mancher ähnliche vorher) von Dir ist? Mir hat er wie­der un­ge­heu­er gefallen: der Ton ist ganz famos getroffen. Irre ich mich demnach nicht, so bist Du jetzt in vollem Eifer.“ [Wagner, R.: Sämt­liche Briefe, Bd. 11, Wiesbaden Leipzig Paris 1999, S. 127-128.] Und tatsächlich war Her­wegh voller Engagement und Leidenschaft, wenn er in diesen Bei­trä­gen, die u. E. im vorliegenden Band den wohl wich­tigsten Komplex bil­den, für den Unabhängigkeits- und Frei­heits­kampf des italienischen Vol­kes Par­tei ergreift, die brutale Gewalt­herr­schaft Österreichs in Italien gei­ßelt, die Machenschaften der herr­schen­den Kreise in der Politik bloß­stellt und im Ganzen kenntnisreich und mit be­achtlichem gesell­schafts­po­li­tischem Ur­teilsvermögen die Entwicklung ana­lysiert. Hervorzuheben sind dabei vor allem die Beiträge „Deutsch­land und Oestreich“, „Ein Zeit­bild“, „Ein Sturm in einem Glas Wasser oder die süddeutsche Auf­re­gung“, „Die Revanche für Waterloo“, „Der Hecht unter den Karpfen oder Louis Napoleon in Baden-Baden“ sowie das Vorwort zur Bro­schü­re „Der Tag von Aspromonte“.

Über das Verhältnis Herweghs zu Lassalle ist im zweiten Briefband die­ser Ausgabe – sowohl in der Einleitung als auch in den Erläuterun­gen – das Nötige gesagt worden. Der Band enthält aber neben den Brie­fen an Las­salle im Hinblick auf den späteren Streit um die Orien­tie­rung der noch von Lassalle selbst geplanten Parteizeitung „Der Social-De­mo­krat“ nur die Briefe Herweghs, die er in diesem Zu­sam­men­hang an Jo­hann Philipp Becker und Karl Bruhn schrieb, und als einzige Aus­nahme das ein­leitende Schreiben an die Redaktion des „Nordsterns“, das auch als per­sönlicher Brief anzusehen ist. Der vorliegende Band bringt da­ge­gen al­le Dokumente, die mit diesem Verhältnis in Verbindung ste­hen. Das sind erstens zwei Erklärungen, die Herwegh abgab, nachdem ihn die „Neue Frankfurter Zeitung“ als „Apostel Lassalles“ auf die übelste Wei­se angegriffen hatte, weil er dem „Schweizer Arbei­ter­kon­greß“ im Jahre 1863 ferngeblieben war. Zweitens gab er eine Erklärung über die Ver­an­las­sung von Lassalles Duell ab. Und drittens finden sich hier schließlich al­le Schriftstücke, die Herwegh im Zusammenhang des Streites um die Par­teizeitung verfaßte und mit denen der Vollständigkeit halber auch das Schrei­ben an die Redaktion der Zeitung noch einmal abgedruckt wird. In chro­nologisch geordneter Form, wie diese Materialien nunmehr vor­lie­gen, geben sie klar zu erkennen, warum sich Herwegh dem Protest von Marx und Engels anschloß und sich vom ADAV distanzierte.

Nach seiner Beteiligung am Streit um die Parteizeitung ließ sich Pu­bli­zi­sti­sches im engeren Sinne von Herwegh für Jahre nicht mehr nach­wei­sen. Das mag auch daran gelegen haben, daß das „Zürcher Intelligenz­blatt“ um die Mit­te 1864 sein Erscheinen einstellte und er im „Social-De­mo­kraten“ nach dem Vorangegangenen auch nicht mehr schreiben konn­te. Entscheidender war jedoch, daß am 24. Juni 1865 Emmas Vater ver­starb, sich daraufhin die finanzielle Lage der Familie dramatisch ver­schlech­terte, Herwegh im Frühjahr 1866 die Schweiz fluchtartig ver­las­sen mußte und er genau zu diesem Zeitpunkt – ver­mittelt durch Liszt und Dingelstedt – eine Einladung zur Mitarbeit an ei­ner neuen Ausgabe von Shakespeares Werken erhielt, die Hermann Ul­ri­ci im Auftrag der neu gegründeten Shakespeare-Gesellschaft leiten soll­te. Herwegh sagte zu und war in der Folgezeit mit der Übersetzung von acht Shakespeare-Stücken vollauf beschäftigt, wobei allerdings nur der „Coriolan“ in der Aus­gabe von Ulrici erschien, die anderen Werke aufgrund entstandener Dif­ferenzen zwischen Herwegh und Ulrici in der Aus­gabe von Bo­den­stedt publiziert wurden (vgl. Briefe II).

Herwegh war für diese Übersetzertätigkeit gut vorbereitet. Schon im Vor­märz hatte er die Werke Lamartines und einige Gedichte Victor Hu­gos übertragen, 1859 die Garibaldi-Hymne und – wie im Artikel „Was Ita­lien will“ in diesem Band ersichtlich – ein Gedicht Giuseppe Giustis über­setzt. Er kannte die wichtigsten alten und neuen europäischen Spra­chen und hat sich darüber hinaus auch mit außereuropäischen Sprachen und der Sprachentwicklung überhaupt beschäftigt. Für Shakespeare hatte er sich schon seit seiner Jugendzeit begeistert und was ihm dieser Dich­ter bedeutete, ist in den frühen Literaturkritiken nachzulesen. Dazu kam fol­gendes: Bereits 1858 hatte sich Dingelstedt an Herwegh gewandt und ihn eingeladen, an einer von ihm geplanten Shakespeare-Ausgabe mit­zu­ar­beiten. In außergewöhnlich herzlichen Worten schrieb er ihm, er möge die Zerwürfnisse der Vergangenheit vergessen, den alten Freundschafts­bund erneuern, und die Zusammenarbeit bei diesen Übersetzungen könn­te die Brücke dazu sein [Briefe II, S. 694]. Aus der Ausgabe ist da­mals nichts geworden, für Herwegh aber läßt sich nachweisen, daß er sich seither immer wieder mit dem „Coriolan“ beschäftigte, also nicht mit leeren Händen dastand, als ihn das Angebot aus Weimar er­reichte.

Auf Herweghs Übersetzungen selber, die im Hinblick auf einen Dich­ter wie Shakespeare möglicherweise bedeutungsvoller sind als Einlei­tun­gen und Erläuterungen, ist hier nicht einzugehen. Das Urteil darüber muß der Shakespeare-Forschung vorbehalten bleiben. Anders aber ver­hält es sich mit seinen Einleitungen, die im Grunde auch sein Shake­speare-Bild enthalten. Herwegh hatte schon in seinen frühen Li­te­ra­tur­kri­tiken Shakespeare zu jenem Dichtertypus gezählt, „der seine poe­ti­schen Gestalten nicht mit den bunten Lacken der Gegenwart behängt, so fern er nur die ewige Eine Wahrheit im Auge behält und sie in genialen For­men wiederzugeben versteht. Was wollten wir Tendenzsüchtigen sonst z. B. mit einem Shakspear anfangen, dessen dramatische Dich­tun­gen unvergängliche Lehren abwerfen für alle Völker und alle Zei­ten, also auch für die unsrige, ohne gerade den speziellen Bei­ge­schmack der letz­te­ren an sich zu tragen?“ [Herwegh, G.: Frühe Pu­bli­zi­stik 1837-1841, Ber­lin 1971, S. 63.] Diese Auffassung, auf eine Inter­pre­ta­tion Shakes­peares im Sinne des späteren Realismus hindeutend und ge­gen die Ro­man­tik gerichtet, hat Herwegh auch immer beibehalten. In ei­nem seiner Brie­fe nennt er die Schlegel-Tiecksche Übersetzung zwar im­mer noch ach­tungsvoll einen „Riesenkörper“, dennoch sollte mit seiner Über­tra­gung, wie mit anderen ihrer Zeit über sie hinausgegangen wer­den. Das zeigt sich an allen Zügen, die die Einleitungen auszeichnen: For­derung nach Worttreue, Volkstümlichkeit und Verständlichkeit bei der Überset­zung, Zugrundelegen der neueren, revidierten und kriti­schen Shake­speare-Ausgaben, gründliches Erforschen und Darlegen der über­lieferten Stof­fe und Quellen, an die Shakespeare anknüpfte, und schließ­lich auch kri­tische Bemerkungen zur Shakespeare-Rezeption.

Der letzte Komplex im vorliegenden Band umfaßt Herweghs Korre­spon­denzberichte für die Zeitung „République française“ im November und Dezember 1871. Wie bereits eingangs betont, wurden diese Berichte von Victor Fleury durch im Nachlaß gefundene ungedruckte Texte er­mit­telt und über den Briefwechsel zwischen Herwegh und Challemel-Lacour in der Zeitung nachgewiesen. Diese Berichte werden hier nach dem Erstdruck und mit einer Übersetzung versehen publiziert, wobei ei­ne der Korrespondenzen, die Fleury in seinem Band „Aus Herweghs Nach­lass“ veröffentlichte, ausgeschieden wurde, weil uns die Autor­schaft nicht hinreichend gesichert scheint.

Challemel-Lacour, der zu dieser Zeit Präfekt in Lyon war, später hohe Äm­ter im republikanischen Regierungsapparat einnahm und 1883 Außen­minister im Kabinett Ferry wurde, hatte Herwegh im Spätherbst 1871 ersucht, an einer von ihm und Léon Michel Gambetta zu grün­den­den Zeitung mitzuarbeiten, die als Organ der linken Republikaner den Kampf um die Festigung der Republik unterstützen sollte. Er erläuterte Her­wegh das Programm, räumte ihm weitgehende Freiheiten ein und ver­sicherte Anonymität, weil die Redaktion bei keinem politischen Ar­ti­kel den Verfasser nennen würde. Herwegh willigte ein und verfaßte auch min­destens drei veröffentlichte und zwei ungedruckte längere Korre­spon­denzen. Warum die Mitarbeit bereits nach so kurzer Zeit endete, war allerdings nicht zu klären. Diese Frage hat schon Fleury intensiv be­schäf­tigt, konnte aber wegen der fehlenden Quellen auch von uns nicht be­antwortet werden.

Inhaltlich sind die Korrespondenzen natürlich bestimmt von der Kritik an den Zuständen im neuen Deutschen Reich. Das Material wird ge­nom­men, wie es die Zeitungen in diesen Wochen darbieten. Es gibt aber auch Grundsätzliches, und dieses besteht in der Verneinung des Kai­ser­rei­ches, wie sie auch in Briefen und in den Gedichten ausgesprochen wird. In diesem Sinne wird in den Berichten der neue deutsche Kaiser nur als „Cäsar“ tituliert und heißt es in einer Anrede an die Franzosen: „Se­hen Sie zu, daß Sie endlich eine Republik errichten, um die Sie ganz Eu­ropa beneidet und die dazu verlockt, Ihrem Beispiel zu folgen. Jede an­dere hätte ein wenig solides Fundament und könnte nicht von Dauer sein. Machen wir aus der Niederlage einen Sieg, so wie der Feind bereits sei­nen Sieg in eine Niederlage verwandelt hat, und zwar in der Gestalt ei­nes Kaiserreichs, das anscheinend mit demjenigen rivalisieren will, von dem Sie das Unglück auf so glückliche Weise befreit hat, hoffentlich für im­mer.“ [S. 195 in diesem Band.]

Der Band wurde von Ingrid und Heinz Pepperle erarbeitet. Heinz Pep­per­le recherchierte für den Apparat, verfaßte im wesentlichen die Er­läu­te­rungen und erstellte das Namensregister. Großen Anteil hat er an der Er­mittlung der Autorschaft. Weiterhin haben Norbert Rothe und Hen­drik Stein mitgearbeitet. Norbert Rothe hat die erste digitale Textfassung an­gefertigt. Hendrik Stein transkribierte die vorhandenen Handschriften zu Artikeln und den Einleitungen der Shakespeare-Übersetzungen und ver­zeichnete die entsprechenden Lesarten/Varianten. Er hat zudem die Re­daktion des gesamten Bandes übernommen und die digitale Druck­fas­sung erarbeitet.

Die Bearbeitung der französischen Texte verdanke ich im wesentlichen Ingo Fellrath (†). Er hat Fleurys Autorschaftsnachweise im Hinblick auf Her­weghs Korrespondenzen für die „République française“ überprüft, die Zeitung im fraglichen Zeitraum nach möglichen weiteren Beiträgen von Herwegh durchgearbeitet und die gesicherten Artikel ins Deutsche über­setzt. Außerdem verfaßte er Erläuterungen zu diesen Beiträgen.

Danken möchte ich auch Berthold Fessen, Martin Fontius, Manfred Si­mon, die uns bei einzelnen Sachfragen und Übersetzungen hilfreich zur Sei­te standen. Weiterhin sei allen gedankt, die vorliegenden Band er­mög­licht haben. Hinsichtlich der Details verweise ich auf das Vorwort im er­sten Band dieser Ausgabe. 

Berlin, Januar 2013
Ingrid Pepperle
 



Inhaltsverzeichnis Band 4

Einleitung
 
Nacht und Morgen
[Zum Konflikt mit Alexander Herzen]
[Zum Konflikt mit Alexander Herzen]
[Abschiedsworte für Professor Ludwig]
[Zum Streit um die Berufung Moleschotts]
Erklärung.
[Gottfried Semper über die Ästhetik des Schmucks]
[Moleschotts Antrittsvorlesung]
Dufraisse über Camille Desmoulins.
[Brachvogels „Narziß“]
[Zur Brachvogel-Kritik]
[Zur Brachvogel-Kritik]
[Heinrich Meyerhöfer]
[„Die Grille“ von Charlotte Birch-Pfeiffer]
[Othello mit Ira Aldridge]
[Macbeth mit Ira Aldridge]
[Shylock mit Ira Aldridge]
Zur Kriegsfrage.
[Challemel-Lacour über die literarischen Salons im 18. Jahrhundert in Paris]
[Gottfried Semper und die Bauprojekte im Kratz]
Deutschland und Oestreich.
Ein Zeitbild.
Mazzini’s Stellung zu dem jetzigen Kampfe in Italien.
Ein Sturm in einem Glas Wasser oder die süddeutsche Aufregung.
[Zustand Neapels]
Zum Waffenstillstand.
Zur Friedensfrage.
Eine kleine Abfertigung
Vom Friedensschauplatz.
Vom Friedensschauplatz.
Der italienische Salat
Vom Friedensschauplatz.
Mazzini „über das Frühstück von Villafranca“
[Was Italien will]
Die Ermordung des Grafen Anviti in Parma
[Über Garibaldis Entlassung]
[Dufraisse über Agrippa d’Aubigné]
Das Ende vom Lied oder das Lied vom Ende –
Die Revanche für Waterloo.
Der Hecht unter den Karpfen oder Louis Napoleon in Baden-Baden.
[Am Grabe eines deutschen Flüchtlings]
[Der Krieg in Italien]
[Über die spekulative Ästhetik]
[Wagners „Tannhäuser“ in Paris]
Li Svizzeri volontari sotto Garibaldi
[Söldner und Freiheitskämpfer]
[Cherbuliez über Garibaldi]
[Zum Tode Piero Cironis]
[Zum Tode Piero Cironis]
Piero Cironi.
Der Tag von Aspromonte. Eine Stimme aus den Gefängnissen.
[Erklärung zum Arbeiterkongreß in Zürich]
[Erklärung zum Arbeiterkongreß in Zürich]
Heinrich Heine.
Deutschlands Siege über Dänemark
Die Ausweisung Mazzini’s.
Noch ein Wort über die Ausweisung „des Lehrers und Freundes
von Garibaldi“.
[Zur Ausweisung Mazzinis]
Was man sich in Turin über die Maßregelung Mazzini’s erzählt.
„Auf Einen Schelmen anderthalbe“
[Zum Polytechnikumskonflikt]
[Zum Polytechnikumskonflikt]
[Zum Polytechnikumskonflikt]
[Über Ferdinand Lassalles Tod]
An die Redaktion des „Social-Demokrat.“
Protest.
Zur Beachtung.
Zur Warnung.
Erklärung.
Zur Erläuterung.
[König Lear] Einleitung.
[Zähmung einer Widerspenstigen] Einleitung.
[Die beiden Veroneser] Einleitung.
[Die Komödie der Irrungen] Einleitung.
[Ende gut, alles gut] Einleitung.
[Troilus und Cressida] Einleitung.
[Wie es euch gefällt] Einleitung.
[Korrespondenz in der „République française“ vom 22. November 1871]
[Korrespondenz in der „République française“ vom 29. November 1871]
[Korrespondenz in der „République française“ vom 14. Dezember 1871]
 
Anhang

Editorische Hinweise
Verzeichnis der Siglen und Abkürzungen
Apparat

Personenregister
Inhaltsverzeichnis

Georg Herwegh

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