- Vortrag_Edition

Georg Herwegh - Werke und Briefe. Kritische und kommentierte Gesamtausgabe

Zur Geschichte der Herwegh-Ausgabe

von Ingrid Pepperle

Dieser Vortrag wurde gehalten anlässlich der Veranstaltung „‚Ich wollte über Literatur schreiben und habe mit der Politik angefangen‘ – Präsentation der Herwegh-Gesamtausgabe“ der Sektion Berlin-Brandenburg der Heinrich-Heine-Gesellschaft in Kooperation mit dem Forum Vormärz Forschung am 28. November 2019 in Berlin-Schöneberg. Veröffentlicht wurde er in: Zwischen Emanzipation und Sozialdisziplinierung: Pädagogik im Vormärz, hg. v. Katharina Gather, Bielefeld: Aisthesis 2020, S. 191-199 (= Forum Vormärz Forschung, Jahrbuch 2019, 25. Jg.).

Wenn ich jetzt etwas zur Geschichte dieser Ausgabe sage, fällt mir zuerst ein, dass es eigentlich eine unendliche Geschichte ist, von der lange nicht abzusehen war, ob sie wirklich je ein Ende finden würde, eine Geschichte von vielen Zufällen, die der Edition immer wieder aufhalfen, und eine Geschichte von bewundernswerter Hilfe, die oft entscheidend für den Fortgang der Arbeit war.

Im Prinzip gab es drei Anläufe. Der erste geht auf Bruno Kaiser zurück, der 1957 auf Initiative von Wolfgang Steinitz, dem damaligen Vizepräsidenten der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, eine Arbeitsstelle Herwegh-Ausgabe am Institut für Deutsche Sprache und Literatur einrichtete.

Kurz etwas zu Bruno Kaiser: In den 20er-Jahren Redakteur an der Vossischen Zeitung, in der Nazizeit im Widerstand, Konzentrationslager, schwer misshandelt entlassen und geflohen, bewusstlos von holländischen Grenzern aufgefunden. Internierung in Frankreich im berüchtigten Lager Gurs nördlich der Pyrenäen; von dort wiederum Flucht. Mit Hilfe von Mönchen entkam er in die Schweiz. Im dortigen Internierungslager bei Liestal erhielt er die Erlaubnis, zunächst unter Bewachung nach dem Nachlass von Georg Herwegh zu suchen, von dem er wusste, dass der Sohn Herweghs ihn vor seinem Tod um 1937 Liestal vermacht hatte. Kaiser hat den Nachlass in Koffern auf dem Dachboden des Rathauses gefunden und mit Hilfe innerhalb dreier Jahre archiviert, katalogisiert und das Herwegh-Archiv eingerichtet. Seine Dissertation, die unter anderem diesen Fund auswertet, ist 1948 in Berlin unter dem Titel „Der Freiheit eine Gasse. Aus dem Leben und Werk Georg Herweghs“ erschienen.[1]

Nun also sollten, nachdem Bruno Kaisers fünfbändige Ausgabe der Werke Georg Weerths 1956/57 in Berlin herausgekommen war[2], Herweghs Werke und Briefe publiziert werden.

Ich kam 1960 frisch von der Universität in die Arbeitsstelle. Mein erster Besuch des Liestaler Archivs war für September 1961 vorbereitet, als die Mauer am 13. August 1961 gebaut wurde. Wir, das heißt Johanna Rosenberg, Bruno Kaiser und ich, haben dann an der „Frühen Publizistik“ nach den Erstdrucken weitergearbeitet, für die keine Handschriften überliefert waren. Am 1. April 1965 wurde die Arbeitsstelle geschlossen, weil die notwendigen Archivbesuche nicht stattfinden konnten. Wir Mitarbeiterinnen gingen in die wissenschaftliche Aspirantur. Vor den Dissertationen stellten wir aber zunächst den Band fertig. Er umfasst Herweghs literaturkritische und literarische Prosatexte von 1837 bis 1841, darunter auch die von Agnes Ziegengeist gerade erst aufgefundenen Beiträge aus der „Waage“ 1841, einem Beiblatt der von Heinrich Elsner kurzzeitig herausgegebenen „Stuttgarter Allgemeinen Zeitung“. Der Band ist vom Akademie-Verlag 1971 in Kommission genommen worden und erschien gleichzeitig in Berlin und in Kronberg im Taunus, wodurch er sich selbst finanziert hat.[3]

Seitdem wir 1969 aus der Aspirantur zurückgekommen waren, haben wir in verschiedenen Bereichen des neugegründeten Zentralinstituts für Literaturgeschichte an der Akademie der Wissenschaften der DDR gearbeitet; ich weiter in der Vormärzforschung, speziell zu den linken Hegelianern, über die ich 1971 promovierte.[4] Ich habe aber den Gedanken an die Ausgabe – schon aus Respekt vor der Lebensleistung Bruno Kaisers – nicht aufgegeben, weiter Material gesammelt und das vorhandene aus der Arbeitsstelle verwahrt.

Den zweiten Anlauf verdankt die Ausgabe einem Brief von Friedrich Engels an Arnold Ruge vom 19. April 1842 über seine anonyme Anti-Schelling-Schrift[5] und mögliche Beiträge für die „Deutschen Jahrbücher“. Ich fand das Schreiben 1979 im Goethe-Schiller-Archiv in Weimar unter den Briefen an Arnold Ruge als den Herausgeber der „Deutschen Jahrbücher für Wissenschaft und Kunst“. Im „Marx-Engels-Jahrbuch“ von 1980[6] habe ich das Schreiben unter „Nachträge zu Bänden der MEGA“ veröffentlicht. Weil Friedrich Engels mit seinem Pseudonym F. Oswald unterzeichnet hatte, war das Dokument nicht beachtet worden. Der Fund dieses bisher unbekannten Briefes war eine kleine Sensation, um die es viel Streit gab. Bruno Kaiser sorgte mit einer kurzen Pressenotiz, die dann in allen Zeitungen der DDR stand, dafür, dass die Marx-Engels-Forscher den Fund nicht für sich vereinnahmen konnten. Und Herwegh war der Gewinner. Ich „avancierte“ als Wissenschaftler, bekam Reiseerlaubnis und konnte vor allem selbstständiger über meine Arbeit entscheiden. Neben den im Kollektiv durchzuführenden Aufgaben nahm ich nun nach fast 20 Jahren die Arbeit zu Herwegh wieder auf. Ich begann an einer Monographie zu schreiben und reichte das Exposé einer Ausgabe seiner Werke und Briefe ein. Es kam 1988 zum Herausgeber-Vertrag beim Aufbau-Verlag, der allerdings auf einen modernisierten Text bestand.

In dieser Zeit des zweiten Anlaufs fallen auch zwei Begebenheiten, die der Ausgabe unwahrscheinlich geholfen haben. In Liestal wollte der pensionierte Bankangestellte Hermann Spiess wissen, wer der Dichter war. Auf seinem Weg zur Arbeit war er oft genug am Herwegh-Denkmal von 1904 vorbeigegangen. Als ständiger Gast im Herwegh-Archiv suchte er bald Kontakt zu uns. Er wandte sich just in dem Moment an unser Institut, als ich nun wirklich 1983 die erste Reise ins Herwegh-Archiv antrat. Mit dem Band der „Frühen Publizistik“ in der Hand erkannten wir einander am Bahnhof Liestal. Ich kann nur mit großer Dankbarkeit an die Familie Spiess-Schaad denken, an Maja, Herrmann und Sohn Heiner, die mir Unterkunft bei sich selbst, bei Freunden und Verwandten ermöglichten, sodass ich in den 80er-Jahren mit den wenigen Valuten, die mir zur Verfügung standen, in Liestal, Zürich, Basel und Bern in Archiven und Bibliotheken arbeiten konnte. Maja und Herrmann besuchten für die Ausgabe Paris und London. In der Bibliothèque nationale de France fanden sie im Nachlass der Gräfin d’Agoult (Pseudonym: Daniel Stern) nur mit „G.“ gezeichnete Briefe, die als Schreiben eines Unbekannten katalogisiert waren. Hermann Spiess erkannte sofort Herweghs Handschrift, und ich bekam die kopierten Autographe. Im British Museum in London sichtete er die Herzen-Herwegh-Papers, die erst seit 1952, dem 100. Todesjahr Natalie Herzens, zugänglich waren. Bisher nicht bekannte Briefe Georg und Emma Herweghs, Georgs Notizbuch von 1849 mit den Einträgen von Natalie, die Briefe Nataliens an Herwegh usw. – alles, was der Sohn Herweghs nicht nach Liestal gegeben hatte, harrte hier der Aufarbeitung. Des Weiteren gelang es Hermann Spiess durch einen Bankkollegen in São Paulo, die brasilianischen Nachkommen von Herweghs Tochter Ada aufzuspüren. Sie hatte elf Kinder. Und in deren Nachlass waren zu finden: Briefe Georg und Emma Herweghs, die handschriftliche Fassung von „Georg Herwegh’s Briefwechsel mit seiner Braut“[7] und andere Dokumente der Familie Herwegh. Die Erben gaben diese Materialien nur zum Teil ins Herwegh-Archiv, wie Hermann Spiess das geplant hatte. Die lukrativen Autographe kamen in den Auktionshandel. Und jahrelang habe ich in den neuen Katalogen Herwegh-Autographe aus Brasilien gefunden. Zumeist hat sie das Heinrich-Heine-Institut in Düsseldorf angekauft, und ich konnte mit den Kopien arbeiten. Die Familie Spiess war es auch, die mir die Stiftung „Pro Helvetia“ empfahl, die mir 1989 einen Studienaufenthalt in der Schweiz ermöglichte.

Die andere für die Ausgabe so wertvolle Begegnung fand fast zur selben Zeit in den 80er-Jahren statt. Der Vater von Ingo Fellrath suchte mich eines Tages auf, um Kontakt zu seinem Sohn herzustellen, der in Frankreich an einer Herwegh-Dissertation arbeitete.[8] Es entwickelte sich eine wunderbare kollegiale Zusammenarbeit, die bis 2003 viel zum Gelingen der ersten Bände beigetragen hat. Ich habe das im Nachruf auf ihn im FVF-Jahrbuch 2010 zu beschreiben versucht.[9] Ganz wichtig war seine Übersetzungstätigkeit für die Ausgabe. Er hat dem französischen Teil der Ausgabe durch die Transkription der französischen Autographe und ihre deutsche Übersetzung (75 französische Briefhandschriften und circa zehn Prosaarbeiten) zu einem kritisch geprüften Text verholfen und den Apparat in aufwendigen Ermittlungen bereichert (hauptsächlich in französischen Bibliotheken und Archiven bis hin zum Pariser Katasteramt), wobei er Wesentliches zu Datierungen, zum Nachweis der Adressaten und zu den Erläuterungen beitrug. Fellraths 1991 fertiggestellte Dissertation zur literarischen Orientierung Georg Herweghs war besonders für die Erarbeitung des ersten Lyrikbandes bedeutsam. Ingo Fellrath war es auch, der mir empfohlen hat, in das neu gegründete „Forum Vormärz Forschung“ einzutreten und mich an den Aisthesis Verlag zu wenden. Beide Hinweise waren von substantieller Bedeutung für das Editionsvorhaben.

So habe ich auf einer Tagung des Forums in Weimar Bernd Füllner kennengelernt, der unter anderem den Vortrag über die neu aufgefundenen Pariser Korrespondenzen Herweghs von 1848 zur Veröffentlichung ins Heine-Jahrbuch 1998 brachte.[10] Er hat so viel und so oft in kniffligen Fragen weitergeholfen, Materialien besorgt oder hingewiesen, wie man sie auffindet, dass es nicht aufzuzählen ist, und ich nur danke, danke sagen kann.

Aber ich habe zu weit vorgegriffen, denn die in den 80er-Jahren entstandenen Arbeitsfreundschaften hielten über den Bruch der Wende hinaus und haben viel dazu beigetragen, die Ausgabe zu retten.

Denn mit der Wende 1989 scheiterte auch der zweite Anlauf der Herwegh-Ausgabe. Der Aufbau-Verlag hob im gegenseitigen Einvernehmen die vertragliche Bindung auf. Zunächst wusste ja niemand so richtig, wie es weitergehen soll. Ich habilitierte derweil mit dem ersten fertiggestellten Teil der Monographie über „Herweghs Leben, Werk und Wirkung“.[11]

Nach dem Ende der DDR 1990 wurde die ganze Akademie, so auch unser Institut abgewickelt. Wir standen mehr oder weniger alle vor der Arbeitslosigkeit, erhielten aber mit der Evaluierung unserer Leistungen durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) eine Chance, uns neu zu bewerben. Ich reichte das Projekt der Herwegh-Ausgabe zur Bewertung ein und wurde positiv evaluiert mit dem Bescheid, es handele sich um ein Desiderat in der Forschung. Aber dieses wichtige Projekt sei an einer Universität neben der Lehre als Individualprojekt zu realisieren. Wolfgang Frühwald, der augenscheinlich die Evaluierung der Germanisten des Instituts leitete, sagte mir zwar persönlich, damit sei das Projekt unter Wert verkauft, was aber keinerlei Konsequenzen hatte.

Mit diesem Bescheid konnte ich mich im Wissenschaftler-Integrations-Programm (WIP) neu bewerben, was ich gleichzeitig an vier Institutionen tat. Die erste positive Antwort nahm ich an. Es war eine dreijährige Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei den Germanisten an der Freien Universität Berlin. Den zweiten positiven Bescheid vergab das Institut an Norbert Rothe und eine wissenschaftlich-technische Mitarbeiterin, die in einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme (ABM) mir plötzlich als Mitarbeiter zukamen.

Nun also bekam die Ausgabe eine dritte Chance, aber eine sehr wackelige. Der für die Germanisten zuständige Referent, Dr. Briegel, formulierte schon 1993 bei Ablehnung des ersten DFG-Antrages den Mangel der Evaluierung: „Dieses Projekt hätte anders eingestuft werden müssen, nicht auf diese Art zweijähriger Förderung.“

Ich hatte jetzt 1991 zwar zwei Kollegen, die die bisher vorhandenen Brief- und Prosa-Manuskripte in der kurzen Zeit ihrer ABM-Tätigkeit digitalisierten, aber ich selbst war nach einem Arbeitsleben am Schreibtisch mit der Lehrtätigkeit vollkommen ausgelastet. Wie es der Teufel oder der Zufall will, wieder lernte ich Menschen kennen, die der Ausgabe bei ihrem dritten Anlauf weiterhalfen.

Zunächst war es der Dekan der philosophischen Fakultät der FU, Gerhard Bauer, der in vielerlei Hinsicht weiterhalf. Roland Reuß, Mitherausgeber der Zeitschrift „Editio“, hat mir einmal gesagt, dass er niemanden kenne, der mehr für andere getan hat, als Gerhard Bauer. Ihm ist es jedenfalls zu verdanken, dass es mit der Ausgabe weiterging. Er kannte sich in den Gepflogenheiten, den Tücken und Möglichkeiten des westdeutschen Wissenschaftsbetriebes aus, der damals für mich ein Buch mit sieben Siegeln war. Gerhard Bauer versuchte auch, mit einem ABM-Antrag die beiden Kollegen zu halten. Jedoch das Arbeitsamt Steglitz fand die Ausgabe sei nicht genug von gesellschaftlichem Interesse und Norbert Rothe wurde 1993 arbeitslos.

Gerhard Bauer ist auch eingesprungen als ich nicht mehr berufstätig war und die einmalig von der DFG genehmigte Mitarbeiterstelle verwaltet werden musste. Die Universität Leipzig hatte das mit der Begründung abgelehnt, Volker Giel könnte sich nach den zwei Jahren 2003 auf eine feste Stelle einklagen.

Wie Volker Giel, mein Kollege aus dem Zentralinstitut, zur Ausgabe kam, sei hier kurz eingeflochten. In den ersten Jahren nach der Wende machte mir eines Tages Helmut Richter, damals Dekan der philosophischen Fakultät in Leipzig, den Vorschlag, Volker im WIP mit einer Arbeit an der Ausgabe zu beteiligen. Er war bis dahin im Herausgeberkollektiv des „Lexikons sozialistischer Literatur“ tätig gewesen, das 1994 bei Metzler erschienen war.[12] Volker bekam von mir alles Material, was ich zur Lyrik zusammengetragen hatte. Das WIP finanzierte auch einen Archivaufenthalt in Liestal. Leider bekam Volker nach Beendigung des WIP nicht die von der Universität Leipzig gebotene Möglichkeit, ihn mit einer halben Stelle zu behalten, wenn die DFG die andere Hälfte übernommen hätte. So verlor ihn die Ausgabe, nachdem er den ersten Lyrikband beendet hatte. Volker ediert seitdem Goethes Briefe.

Hendrik Stein war damals einer meiner Studenten, den ich in meiner Not, Gelder von der DFG erhalten zu haben, die ich selber nicht anrühren durfte, in einer Kaffee-Ecke der FU in Dahlem fragte, ob er für mich diese Archivstudien übernehmen würde. Und es begann eine Zusammenarbeit, die mir lange Jahre ein schlechtes Gewissen bereitete, weil ich nur die Nehmende war und Hendrik alles neben dem Studium, später neben der Berufsarbeit zu bewältigen hatte. Ohne ihn gäbe es die Ausgabe nicht. Er hat mit seinem Computerwissen mir die verschiedenen Computer eingerichtet, immer wieder Handhabungen beigebracht, erklärt etc. Er hat die anfänglich digitalisierten Texte den neuesten technischen Entwicklungen angepasst, das Layout der Ausgabe entwickelt, er war Redakteur, Lektor, Korrektor und Hersteller der Druckvorlagen, Bandmitarbeiter und selbstständiger Bandbearbeiter. Und er hat die Homepage georgherwegh-edition.de eingerichtet, die für mich zur Visitenkarte wurde bei den vielen Anfragen und Bitten um Suchhilfe in Archiven und Bibliotheken.

Letztendlich möchte ich noch sagen, wie mein Mann Heinz Pepperle zur Ausgabe kam, nachdem er „Ausgewählte Schriften“ von Karl Friedrich Köppen, dem Jugendfreund von Karl Marx, ediert hatte[13], er selber vor der Aufgabe stand, für die nächsten Jahre ein größeres Projekt anzugehen, und Volker Giel und Ingo Fellrath gerade der Ausgabe abhanden gekommen waren. Auf einem Spaziergang auf dem Potsdamer Pfingstberg im Frühjahr 2003 eröffnete mir Heinz, nur an einer historisch-kritischen Ausgabe mitarbeiten zu wollen. Nun hatten wir bis dahin auch nicht anders gearbeitet, waren wir doch zu Beginn unseres Arbeitslebens im Editionsseminar von Siegfried Scheibe, dem damaligen Papst der Textologen, mit der historisch-kritischen Arbeitsweise, ihren Erfordernissen und Problemen vertraut gemacht worden. Trotzdem wusste ich damals noch nicht, ob wir drei, Hendrik, Heinz und ich, je eine komplette Ausgabe fertig bekommen, noch unter welchem präzisen Titel das Projekt erscheinen soll. Heinz wischte alle meine Bedenken weg, machte seine Vorschläge, unter anderem dass er sich ganz der Ausgabe widmen werde, und wir gingen zuversichtlich an die Arbeit. Dass die Edition fertig geworden ist, habe ich in hohem Maße ihm zu verdanken, der an allen noch ausstehenden Bänden mitgearbeitet hat. Er brachte seine historischen und philosophischen Kenntnisse des 19. Jahrhunderts besonders in die Erläuterungen ein, die in großen Teilen von ihm erarbeitet worden sind.

Last but not least war es auch in diesem für die Edition so entscheidenden Jahr 2003, als wir das Bearbeitungsende der ersten beiden Bände absahen und Detlev Kopp und Michael Vogt zum Gespräch in einer unserer „Nussschalen“-Sitzungen begrüßen konnten. Hendrik hatte unser Team so getauft. Die Zusammenarbeit mit dem Aisthesis Verlag ist vielleicht die entscheidendste der wunderbaren Begebenheiten, die die Ausgabe letztendlich ermöglicht haben. Wie oft plagte mich auch hier das schlechte Gewissen, wenn ein angepeilter Abgabetermin nicht gehalten werden konnte. Ich traf immer auf Verständnis. Michail Krausnick, der eine preisgekrönte Biographie Herweghs geschrieben hatte[14], sagte uns, noch nie von einer so generösen Zusammenarbeit mit einem Verlag gehört zu haben. Also auch hier noch einmal ein großes Dankeschön.

Über die Zeit seit 2003 brauche ich nicht viel zu sagen, es war Arbeit, Arbeit und noch einmal Arbeit, die aber Spaß gemacht hat, waren wir doch frei von äußeren Einflüssen.

Ganz zum Schluss möchte ich noch etwas Persönliches preisgeben: Mein Großvater hat mich als Halbwüchsige immer mit seinen Sprichwörtern und Redensarten aufgezogen. Das ärgerte mich, wahrscheinlich habe ich sie deshalb behalten. Und zwei davon sind indirekt doch für mich wichtig geworden. Das eine besagt: „Man muss das Unmögliche wollen, um das Mögliche zu erreichen.“ Und das andere soll Luther zu den vielen Untergangsszenarien seiner Zeit gesagt haben: „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“


[1] Bruno Kaiser (Hrsg.): Der Freiheit eine Gasse. Aus dem Leben und Werk Georg Herweghs. Berlin: Volk und Welt 1948.
[2] Georg Weerth: Sämtliche Werke in fünf Bänden. Hrsg. v. Bruno Kaiser. Berlin: Aufbau 1956-1957.
[3] Georg Herwegh: Frühe Publizistik 1837-1841. Unter der Leitung von Bruno Kaiser bearbeitet von Ingrid Pepperle, Johanna Rosenberg u. Agnes Ziegengeist. Berlin: Akademie-Verlag 1971 bzw. Glashütten im Taunus: Detlev Auvermann 1971.
[4] Ingrid Pepperle: Junghegelianische Geschichtsphilosophie und Kunsttheorie. Berlin: Akademie-Verlag 1978.
[5] [Friedrich Engels]: Schelling und die Offenbarung. Kritik des neuesten Reaktionsversuchs gegen die freie Philosophie. Leipzig: Robert Binder 1842.
[6] Friedrich Engels an Arnold Ruge in Dresden, Berlin, 19. April 1842. In: Marx-Engels-Jahrbuch 3, Berlin: Dietz Verlag 1980, S. 297 f.
[7] Georg Herwegh’s Briefwechsel mit seiner Braut. Hrsg. v. Marcel Herwegh unter Mitwirkung v. Victor Fleury u. Carl Haußmann. Stuttgart: Robert Lutz 1906.
[8] Ingo Fellrath: Les orientations litteraires de Georg Herwegh. Thèse de Doctorat de Littérature comparée (nouveau régime). Université Tours 1991.
[9] Ingrid Pepperle: Nachruf auf Ingo Fellrath. In: Literaturbetrieb und Verlagswesen im Vormärz. Hrsg. v. Christian Liedtke. Bielefeld: Aisthesis 2011, S. 303-307 (= Forum Vormärz Forschung, Jahrbuch 2010, 16. Jg.).
[10] Ingrid Pepperle: Georg Herwegh. Korrespondenzen aus Paris 1848 in Arnold Ruges Zeitung „Die Reform“. In: Heine-Jahrbuch 1998. Hrsg. v. Joseph A. Kruse, Heinrich-Heine-Institut der Landeshauptstadt Düsseldorf. Stuttgart/Weimar: Metzler 1998, S. 182-210.
[11] Ingrid Pepperle: Georg Herweghs Leben, Werk und Wirkung. Mit unbekannten Briefen und Texten. Teil I (1817-1843). Diss. B, Berlin 1990.
[12] Lexikon sozialistischer Literatur. Ihre Geschichte in Deutschland bis 1945. Hrsg. v. Simone Barck, Silvia Schlenstedt, Tanja Bürgel, Volker Giel u. Dieter Schiller unter Mitarbeit v. Reinhard Hillich. Stuttgart Weimar: Metzler 1994.
[13] Karl Friedrich Köppen: Ausgewählte Schriften in zwei Bänden. Mit einer biographischen und werkanalytischen Einleitung hrsg. v. Heinz Pepperle. Berlin: Akademie-Verlag 2003 (= Hegel-Forschungen, hrsg. v. Andreas Arndt, Karol Bal, Henning Ottmann).
[14] Michail Krausnick: Die eiserne Lerche. Georg Herwegh – Dichter und Rebell. Baden-Baden: Signal 1990.
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