- GEORG HERWEGH - Urteile über den Dichter

Georg Herwegh - Werke und Briefe. Kritische und kommentierte Gesamtausgabe

Urteile über Herwegh


Georg Herwegh gehört zu den Dichtern, deren Werk und Leben immer wieder zu teilweise heftig geführten Kontroversen Anlaß geben. Diese Sammlung, die fortgesetzt wird, soll einen Einblick in diese Vielfalt von Meinungen der Zeitgenossen und Nachgeborenen geben. Und sie soll zeigen, daß ein endgültiges Urteil über die Bedeutung des Dichters noch längst nicht gefällt ist. Die Edition seiner Werke wird die Kontroverse hoffentlich noch beleben – mit neuen Einsichten und neuen Materialien.



Aus Hamburg im Februar 1844
Auf specielles Ansuchen der preußischen Regierung sind auch die neueren Gedichte Herweghs hier nicht nur verboten und confiscirt, sondern auch jede kritische Besprechung des Buches untersagt worden. So flüchte ich denn mit einigen der neulichen Lectüren jener tollköpfigen Poesien entsprungenen Zeilen in Ihre „Abendzeitung“. Unsere Censur hat, trotz einer Supplik bei der oberen Behörde, den Abdruck im Feuilleton der „Jahreszeiten“ nicht gestattet. Und dennoch hatte ich nichts geschrieben, als: „Herweghs Gedichte sind auch in Hamburg verboten worden.“ – Wir halten diese Maßregel für ganz überflüssig. Diese Gedichte verbieten sich selbst. Trotz des ächten poetischen Funkens, der aus manchem dieser Gedichte spricht, tragen sie in der Gesammtheit den unvermeidlichen Tod in sich. Herwegh stampft mit den Füßen und schlägt mit den Armen um sich wie ein verzogenes Kind, das für begangene Unarten nach langer Schonung endlich hart angefaßt wurde. Das Umstürzungsprincip blüht und wuchert in seinen Versen diesmal, wie hochaufgeschossenes Tollkraut. Wir fürchten aber mit gutem Recht, es wird Niemand wahnsinnig machen, als den Dichter selbst. Und wißt Ihr, wer das Unglück herbeigeführt hat? Nicht die deutschen Preßgesetze, nicht die verzückten, überschwänglichen Jubelhymnen der Herweghianer, nicht die Verweisung aus Preußen. Dieser Genius ist an einer Buchhändler-Speculation gestorben. Die Chefs des literarischen Comptoirs zu Zürich haben ihrem Liebling so lange in die Ohren geschrieen, er sei nicht nur ein genialer Poet, sondern auch ein Publicist, der als Heerführer auftreten und die ganze Schaar der liberalen Schriftsteller unter seiner Fahne sammeln könne, bis es der leichtbethörte Dichter geglaubt hat. Was Herwegh von diesem Moment an that, waren durchschnittlich Eulenspiegelstreiche. Uns ist, das merkwürdig abgeschmackte Schreiben an den König von Preußen ausgenommen, nicht ein einziger prosaischer Aufsatz von Herwegh bekannt. Und nun sollte dieser nackte Schwimmer im Feuermeer der Poesie plötzlich auf dem harten, trockenen Boden publicistischer Abhandlungen, anständig bekleidet, einherschreiten! Der Rolando furioso des Verses sollte nicht mehr in der funkelnden Jamben- und Trochäen-Rüstung zum Kampfe gehen, nicht mehr die buntglühenden Raketen seines Bilderpompes aufsteigen lassen, sondern das schwere Geschütz der Wissenschaft, des kernigen, grundstarken Raisonnements anfahren gegen den zähen, kaltblütigen Feind? Freilich, das müssen morsche Throne sein, die vom Anlauf eines Bändchens Gedichte zusammenstürzen; das müssen todtkranke Regierungssysteme und schwindsüchtige Staatseinrichtungen sein, die sich durch eine Armee von einigen Tausend Reimen aus den Fugen heben lassen. In Deutschland zumal. Eine Entrüstung, die sich bei uns im Zimmer merkwürdig kampfglühend und heroisch todesverachtend geberdet, ist, wenn sie auf die Straße tritt, gleich ganz still und verschüchtert. Auf dem Wege zum Casino, zur Bierstube oder zum Theater begegnet ihr diese oder jene winzige Regierungsperson, also ein Theil der Macht, die sie in der Gesammtheit vernichtet sehen möchte. Was thut unsere Entrüstung? – Sie zieht äußerst demüthig den Hut und bietet dabei noch fein höflich guten Morgen oder guten Abend. Solch’ zahmes Element würde eine ganze Alexandrinische Bibliothek von Liedern eines Lebendigen nicht zur staatsgefährlichen Gährung bringen können. – Was nun seine vor Jahr und Tag angemeldete Leitung des „Deutschen Boten aus der Schweiz“ betrifft, so hat Herwegh vermuthlich recht schmerzlich klar seine Nichtbefähigung, seine schiefe Stellung erkannt, und vor lauter Angst machte er die bewußten dummen Streiche. Und noch einmal, die Herren Fröbel u. Compagnie haben diesem geweihten Dichter das Haupt vom Rumpfe geschlagen. Daß Herwegh den Kopf verloren, wird wenigstens Niemand leugnen. Fröbel u. Comp. speculirten mit Herwegh, wie sie unter anderen Unständen mit Zschokke’s „Stunden der Andacht“ speculirt haben würden. Er hat den ersten Band seiner Gedichte im Feuerdrange der Begeisterung, den zweiten ganz einfach auf Bestellung geschrieben. – Wer doch an das patriotische Handeln eines Buchhändlers glauben könnte! … I. M.
Rezension des 2. Bandes der „Gedichte eines Lebendigen“ in: Abend-Zeitung. Blätter für Literatur und Kunst, Nr. 39 v. 30. März 1844, Dresden, S. 259 f.


Gleich zu Beginn des Jahres [1844] begegneten uns die neuen Gedichte von Georg Herwegh; das Jahr wurde mit politischer Poesie eröffnet; – es konnte Einem angst dabei werden. Man hat viel über diese neuen Gedichte gelästert; sie waren allerdings nicht durchgängig des Eindrucks würdig, welchen Herwegh’s erstes Auftreten gemacht, man fühlte sich verletzt über die Bitterkeit, – aber man hätte darüber doch nicht die schönen Nachklänge aus Herwegh’s erstem dichterischem Schaffen vergessen sollen.
Rezension zum 2. Band der „Gedichte eines Lebendigen“ in: Das neue Europa. Chronik der gebildeten Welt, hg. v. August Lewald, Bd. 1, 5. Lieferg., Leipzig u. a. 1845, S. 77.



Es gab in dieser demokratischen Salonwelt nur eine Stimme, die einen Augenblick in’s Volk herüberklang und es mit der Ahnung eines großen Tages der Vergeltung aufrüttelte – Herweghs. Wir erkennen auch darin unsere demokratische Unreife, dass sich für eine solche Kraft kein Wirkungskreis eröffnete, wo sie sich mit voller Seele hineinstürzen konnte. Der kleine Neid war freilich selig, dass er über die Thatlosigkeit des Dichters moralisiren und seine Versuche zu Thaten verhöhnen durfte, die Niemand gelungen sind und Niemand gelingen konnten. Die Kluft zwischen unserer Weltbildung und dem Volke ließ sich nicht durch die poetische Gluth eines einzigen Dichters ausfüllen, welchen die getäuschte Hoffnung dann innerlich verzehrte. Herweghs Schicksal hat nur deßwegen so viel Aufsehen gemacht, weil er zu dem Gemüthe des Volks näher vorgedrungen war, als irgend einer der philosophisch Gebildeten.
Artikel von Reinhold Solger – anonym erschienen in Kolatscheks „Deutscher Monatsschrift“, Heft 4, 1850, S. 170.


In diesem Dichter wird die Freiheitslyrik erhaben, tragisch, ein reeller Conflict, in den der Charakter sein ganzes Gewicht, der Mensch seine Existenz, der Dichter seine volle, ernstlich gemeinte Leidenschaft hineinlegt. … Auch der Dichter würde einen neuen Enthusiasmus gewinnen können, wenn er sich klar machte, daß seine Erwartungen betrogen werden mußten, weil sie unmöglich waren. Gerade dieser Irrthum ist aber seine Eigenthümlichkeit. Wir haben nämlich an ihm die seltene Erscheinung, daß die Poesie in ihrer edelsten Form den Versuch macht, die ethische Welt unmittelbar nach ihrem Ideal umzugestalten. Die unpoetische Welt wird ihr ein Motiv poetisch-revolutionärer Begeisterung. Der Dichter vergißt, daß mit der Annahme seiner Dichtung der Zuhörer nur ein Bild, eine schöne Idee angenommen, noch bei Weitem keine neue sittliche Natur, keine andere Stellung zu den gewohnten Verhältnissen. … Nichts ist schwerer, als die Wirklichkeit mit dem Ideal zusammenzubringen. Der Dichter unterlag im ersten Anlauf, er stand allein, als er nur einen Verstoß gegen die Convenienz gemacht, es war eine Emeute gewesen, keine Revolution.
Aus: Ruge, Arnold: Georg Herwegh, in: Die politischen Lyriker unserer Zeit. Ein Denkmal mit Portraits und kurzen historischen Charakteristiken, hg. v. Arnold Ruge, Leipzig 1847, S. 109 ff.


 

Herwegh war kein Poetlein, sondern ein wirklicher Poet, dem es gegeben war, zu singen und sagen, was ein großes Volk im ersten taumelnden Erwachen zu historischem Leben dachte und fühlte. Und diesem Poeten hat eben dies Volk durch seinen Rückfall in die alte Knechtseligkeit die Schwingen für immer gebrochen. Das mag man ein tragisches Schicksal nennen, ein tragisches Schicksal auch insofern, als das Opfer nicht ohne eigene Schuld war. Die Audienz, die Herwegh im Herbst 1842, als er wie kein Dichter vor ihm und nach ihm eine große Triumphfahrt durch Deutschland machte, beim König von Preußen nahm, schnitt sein Leben mitten entzwei.
Aus: Mehring, Franz: Georg Herwegh. 19. August 1896, in derselbe: Aufsätze zur deutschen Literatur von Klopstock bis Weerth, Berlin 1961, S. 501.



 

Anfangs hatte er noch auf ein „großes Opus“ hingewirkt, für das er „ein tüchtiges poetisches Kapital“ zusammenbringen wollte. Nach der Revolution gab er alle Pläne auf. Eitel und hartherzig lebte er nur noch seinem Ruhm und seinem Wohlbefinden. Seinen Beifall konnte das neue Reich so freudig entbehren wie den seiner einstigen Todfeinde. Er hatte sich selbst abgethan. Und doch – lesen wir die besten Stücke der ersten Sammlung, so zuckt unwillkürlich auch uns noch die Hand. Sie sind lebenskräftig geblieben, weil sie bei aller Flachheit wahr gewesen sind, aus einem wirklichen Gefühl gedichtet, ehrlich, sogar naiv. Er hätte der Theodor Körner der Revolution werden können, mit einem langen Leben voll bitterer Einsamkeit hat er es gebüßt, daß er einstmals dem Tode auswich.
Aus: Meyer, Richard M.: Die deutsche Litteratur des Neunzehnten Jahrhunderts, Berlin 1900, S. 353 f.



 

Unter den Revolutionsdichtern, wenn wir sie denn mal so nennen wollen, waren aber auch einige, die nicht nur in politischer Beziehung eine etwas klägliche Rolle spielten; ein solcher war Georg Herwegh, natürlich ein Schwabe, seiner Streiche wegen. Sprühende Revolutionslieder bezeichnen seine erste Tätigkeit, fanatischer Haß gegen allen positiven Glauben: er will die Kreuze aus der Erde reißen! Daneben war er aber doch ein nicht zu verachtender Lyriker, der in seinen politischen Dichtungen einen edleren Ton zu treffen wußte. Die „Gedichte eines Lebendigen“ sind es, in denen sich die Revolution breit macht, die aber heute vergessen sind – und über Herwegh selbst rollte das Rad der Zeit, er floh in der „Völkerschlacht“ von Nieder-Dossenbach, mußte in die Verbannung und starb, bewundert von seiner Frau und seinen Kindern, vergessen von der Nation, in Lichtenthal in badischen Landen. Ob er bei der Flucht aus der Schlacht sich unter dem Spritzleder eines Wagens verbarg oder nicht, ist höchst gleichgiltig; bei der Flucht kommt es nicht darauf an, welchen Pomp man dabei entwickelt, wenn man nur seine Haut heil nach Hause bringt.
Aus: Vilmar, A. F. C.: Geschichte der Deutschen National-Literatur. Neubearbeitet und fortgesetzt von Goethe bis zur Gegenwart von Professor Dr. K. Macke, Berlin 1907, S. 496 f.

 


Er war von Hause aus eine weiche lyrische Natur und würde neben Geibel und Kinkel eine nicht üble Rolle gespielt haben, wie er denn auch Platenide wie der erstere war. Seine „Gedichte eines Lebendigen“ aber gaben ihm von vornherein eine weit über seine Bedeutung hinausgehende Berühmtheit, und die Großmannssucht neben dem überhaupt der Poesie gefährlichen politischen Radikalismus richteten ihn rasch zugrunde. Nur der erste Band seiner „Gedichte eines Lebendigen“ kommt ästhetisch in Betracht … Daß Herwegh eine reiche Jüdin heiratete und 1849 mit deutschen Arbeitern von Paris aus einen Einfall in Baden machte, der völlig verunglückte (die „Spritzledergeschichte“ soll jedoch nicht wahr sein), gehört mit zum Bilde dieses Dichters. Aus seinem Nachlaß erschienen noch „Neue Gedichte“, die vielleicht dartun, daß er sich jetzt auf epigrammatisches Zuspitzen verstand, poetisches Talent aber nicht mehr verraten. Alle sind aus dem Geiste jenes giftigen Radikalismus hervorgegangen, den man in der Regel nur bei Juden findet.
Aus: Bartels, Adolf: Geschichte der Deutschen Literatur, Bd. 2, 5. Aufl., Leipzig 1909, S. 186.

 


Der Stuttgarter Georg Herwegh (1817-75) hat zwar, als er im Frühjahr 1849 an der Spitze einer Freischar in Baden einfiel, selber die Waffe mit recht wenig Ruhm geführt. Aber seine „Gedichte eines Lebendigen“ … ertönten 1841 in ihrem Freiheitszorn wie scharfer Schwertschlag von Basel bis Königsberg. Unbestritten gebührt ihm, den Heine als „Herwegh, du eiserne Lerche“ begrüßte, die erste Stelle unter den die Revolution von 1848 vorverkündenden Lyrikern der liberalen Opposition. … Mit allen seinen übrigen Liedern erreichte Herwegh nicht entfernt weder den Erfolg noch den dichterischen Wert der „Gedichte eines Lebendigen“. In ihnen hatte er mit Platens Formenstrenge Vorzüge von Bérangers volkstümlich klaren und scharfen politischen Chansons zu vereinigen gewußt und eine von der Parteifarbe unabhängige Leistung als Dichter vollbracht.
Aus: Vogt, Friedrich/Koch, Max: Geschichte der Deutschen Literatur von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart, 3. Bd., 4. Aufl., Leipzig 1926, S. 148.

 



Er war einer der lautersten Charaktere unter den deutschen Dichtern, er war ein großer Patriot, der bis zum letzten Atemzuge an Deutschlands Leiden litt und für ein besseres Deutschland kämpfte.
Aus: Die Achtundvierziger. Ein Lesebuch für unsere Zeit, hg. v. Bruno Kaiser, Weimar 1953, S. 122 f.



Die Germanistik der DDR fand seine Gedichte packend. Zwei oder drei sind es vielleicht sogar, aber sonst deutet vieles darauf hin, daß er die Grabesstille, in der er ruht, redlich verdient hat. Zweitklassiger Dichter. Minor poet, klingt besser. Heinrich Heine nannte ihn einmal die „eiserne Lerche“. … Er war Deutschlands erster politischer Dichter, Prototyp einer ausgestorbenen Gattung. Der Fall der Mauer hat ihr bei uns vollends den Garaus gemacht. Ade, ihr Liedermacher und Barden.
Aus: Enzensberger, Ulrich: Herwegh. Ein Heldenleben, Frankfurt a. M. 1999, S. 7 f.

Georg Herwegh

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